einfachpetra

Gedichte, Geschichten, Lustiges und Tiefsinniges, eben einfach Petra :-)

Helden, Ritter und Prinzen

Helden, Ritter und Prinzen

Der erste Held an den ich mich erinnere, war mein Vater. Gerade vier Jahre alt hatte ich schreckliche Angst vor einer bösartigen Nachbarin aus dem Parterre, die alle beschimpfte und sich bereits mit den meisten Nachbarn verkracht hatte. Ganz besonders hasste sie meinen Vater, der eine kleine Tischlerwerkstatt auf dem Hof besaß und damit auch eine lärmende Kreissäge. Außerdem besaß er ein sehr „loses Mundwerk“ und sie hatte leider mitbekommen, dass er sie überall „Tussi“ nannte. (Damals noch nicht so ein gebräuchliches Wort wie heute.) Eines Tages wollte ich meinem Vater, der in der Werkstatt arbeitete, etwas zu essen bringen und musste dafür durch den Kellergang. Dort aber wischte Tussi gerade die Kellertreppe. Wie festgewachsen vor Angst blieb ich stehen, traute mich nicht an ihr vorbei. Plötzlich bekam ich einen Schubs und flog im hohen Bogen die Kellertreppe herunter. In dem Moment kam mein Vater von der anderen Seite in den Keller, sah mich liegen, schaute nach, ob ich verletzt sei. Nachdem er festgestellt hatte, dass ich heil geblieben war, ging ein ohrenbetäubendes Gebrüll los. Er stauchte Tussi zusammen, bis sie in ihre Wohnung flüchtete. Tagelang regte er sich noch auf, erzählte allen, dass Tussi mich, das kleine unschuldige Mädchen, absichtlich mit ihrem fetten Hintern die Treppe heruntergestoßen hätte.

Und dann fasste er einen Plan, genau so wie Egon von der Ohlsenbande! Eines Abends nach Einbruch der Dämmerung, schüttete mein Vater heimlich eine komplette Flasche Baldrian unter Tussi’s Küchenfenster zur Hofseite aus. Meine Eltern und ich bezogen dann zwei Etagen höher unauffällig Position und lauerten. Keine fünf Minuten später saßen angelockt vom Duft des Baldrians mindestens zwanzig wilde, sehr musikalische Katzen vom nahen Kohlenhof unter Tussi’s Küchenfenster und starteten ihr Konzert. Tussi fluchte, tobte und schmiss letztendlich sogar mit Kartoffeln nach den Katzen. Zwei Stockwerke darüber hockte Tränen lachend eine kleine Petra mit ihren Eltern und beobachtete schadenfroh dieses Schauspiel.

Danach hatte ich nie mehr Angst vor dieser Frau und auch sie ließ mich in Ruhe. Kurze Zeit später grüßte Tussi sogar wieder alle Nachbarn im Treppenflur. Es war ein echtes Phänomen und meine Eltern wunderten sich damals sehr darüber, zeigten sich aber froh über diesen Waffenstillstand und den Hauch von Frieden. Mein Papa aber war nun für mich der größte Held. (Etwas, das man heute den friedvollen Krieger nennt. 🙂 ) Einige Jahre später schrieb ich in der Schule sogar einen feurigen Aufsatz über diese Geschichte.

Als mein nächster Held auf der Bildfläche, bzw. im Fernsehen erschien, war ich bereits vierzehn oder fünfzehn Jahre alt : Udo Lindenberg, der Honni eine Lederjacke schenkte und provokante, revolutionäre Lieder sang.

Später tauchten keine wirklichen Helden mehr in meinem Leben auf und so lernte ich, mich künftig selbst zu retten und meine eigene Heldin zu werden. Ich lernte dies auf sehr verschiedene Weise, immer wieder neu und aufregend. Manchmal radikal, manchmal auch sanft, je nach Situation. Als wichtigstes Merkmal für gelungene Heldentaten zeigte sich für mich die Entschlusskraft. Egal, ob spontan oder bis ins Letzte durchdacht, die Entscheidung war immer die Zündung, alles andere floss dann wie von selbst. Ich kenne nicht eine einzige reine Laberbacke, die es wirklich geschafft hat, Held oder Heldin seines / ihres Lebens zu werden. Erst alles durchdenken, dann ganz viel fühlen, entscheiden, sich fokussieren und zu guter Letzt handeln, diese Schritte führen unweigerlich dazu, auch die schwierigsten Situationen zu meistern. Ein anstrengender, aber lohnender Lernprozess.

Heute kenne ich so einige Frauen, die denken, sie hätten einen Ritter zum Manne. Dabei ist es gar kein echter Ritter, sondern nur der Ritter der Kokosnuss. Sie geben sich mit ihm zufrieden, weil sie selbst nicht erwachsen geworden sind und in sich ein kleines unerlöstes Mädchen umher tragen, dass sich danach sehnt, endlich gerettet und geliebt zu werden. Dafür tun sie alles, sie verbiegen sich, übertünchen ihr natürliches Gesicht mit dicker Paste, hungern sich fast zu Tode, ziehen Schuhe an, die Hüftschäden verursachen und … werden unweigerlich bitter enttäuscht.

Denn der Ritter der Kokosnuss lobt nicht, achtet nicht und liebt nicht, weil er nur eins kann: Albern sein, verspotten und sich beide Arme abhacken lassen, um noch handlungsunfähiger zu werden, weil er sich selbst hasst. Und was macht die brave Frau? Sie pflegt und versorgt ihn so lange, bis alle Träume von einem echten Ritter in ihr gestorben sind und sie verbittert mit ihrem armlosen Komiker alt wird.

Außer Rittern gibt’s ja auch noch Prinzen, das ist bekannt und genauso beliebt. Wie viele kleine Mädchen wollte auch ich früher immer Dornröschen sein. Wunderschön, mit langen Haaren und tollen Kleidern. Aber: Nicht zu Ende gedacht!!!

Heute, als Erwachsene möchte ich ganz bestimmt nicht dieses Dornröschen sein, das sich erst naiv an einer Spindel sticht und dann 100 Jahre schläft, in der totalen Abhängigkeit, dass nur ein echter Prinz sie erwecken kann. Wenn ich mir im Jetzt eine Rolle in diesem Märchen aussuchen dürfte, dann nur die der 13. Fee. Diese war nämlich gar nicht böse, sondern lediglich ein erbarmungsloser und klarer Spiegel. Sie zeigte Resonanz auf Dummheit, Aberglaube und Arroganz.

Ich, als 13. Fee würde jeden Abend fröhlich Inventur an der Dornenhecke machen, die Skelette der unfähigen Möchtegern – Prinzen zählen und in eine Liste eintragen, in dem tiefen Wissen, dass es eine natürliche Auslese gibt im Reich der Natur. Das muss einfach auch auf diese Prinzen zutreffen.

Sollte dann tatsächlich eines Tages der echte Prinz (mit Tendenz zum König) auftauchen, dann würde er es schaffen, ohne rohe Gewalt, aber mit Feingefühl die Dornenhecke zu überwinden. Indem er sich dem Schmerz der Dornen stellt und nicht wegen ein paar Wunden mutlos hängen bleibt. Mit ein wenig Geschick steht er dann zwar vernarbt, aber lebendig und noch immer voller Elan, Dornröschen zu retten, im Hof des Königreiches.

Dort wartet dann aber – in meiner Fassung – schon glücklich lächelnd die 13. Fee. Sie lässt Dornröschen weiter schlafen, fängt den Prinzen rechtzeitig ab und brennt selbst mit ihm durch. Dieser ist überaus froh, dass er nun so eine taffe Frau an seiner Seite hat und kein verpenntes Dornröschen.

So leben sie glücklich und eigenverantwortlich bis an ihr Lebensende.

… PS: In der Dornenhecke aber hingen auch weiterhin unzählige Skelette und Dornröschen schlief und schlief. Und wenn sie nicht an Langeweile gestorben ist, so schläft sie noch heute.

© Petra Möller (2011)

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