einfachpetra

Gedichte, Geschichten, Lustiges und Tiefsinniges, eben einfach Petra :-)

Zugvögel leben oder: Der Ruf der Gänse

Zugvögel leben oder Der Ruf der Gänse

Ich bin ein Herbstanbeter!!!

Wenn andere Menschen in gedrückter Stimmung über das Wetter schimpfen und laut beseufzen, wie schnell doch so ein Jahr verfliegt, dann wandere ich lächelnd durch graue Nebelschwaden. Ich höre die Krähen, rieche die Vergänglichkeit des modernden Laubes und finde das alles wunderbar würzig. Je grauer es draußen wird, je mehr Blätter fallen, umso mehr leuchten meine Augen und die unzähligen Ikea – Teelichter in meinem Wohnzimmer.

Bin ich ein Totenvogel? Ein getarnter Grufti? Wahrscheinlich denken das viele Menschen von mir. Menschen, die den Tod, das Vergehen ablehnen, die fürchten, flüchten und verdrängen.

Ich bin die Auferstehung und das Leben! Warum? Weil ich so oft gestorben bin, so oft neu geboren wurde und das sogar in einem einzigen Leben, nämlich in diesem! Ich habe geübt, immer wieder. So lange, bis die Angst sich auflöste.  Anfangs verspürte ich schreckliche Angst vor dem Tod und als ich sie überwunden hatte, da bemerkte ich plötzlich, dass da immer noch Angst auftauchte. Diesmal Angst vor dem Leben! Vielleicht mag ich deshalb den lauten, grellen Sommer nicht … wer weiß …

Heute Morgen jedenfalls, da ging mein Herz auf als ich in den Himmel schaute. In einer wundervollen, geometrisch perfekten Formation flogen die Gänse gen Süden, laut schnatternd. Ich genoss diesen Anblick sehr und mit einmal klang da diese Kinderliedzeile von Rolf Zuckowski in meinem Herzen: „Abschied heißt, was Neues kommt, Abschied heißt Hallo!“ Die Gänse brachten es mir in Erinnerung.

Im Herbst vor fünf Jahren flog auch ich in den Süden. Tränenreich ließ ich meine Familie und meine mir vertrauten Freunde zurück. Im Moment des Abschieds zerriss es mich in tausend Stücke. Und dennoch flog ich tapfer los. Weil ich es einfach tun musste, weil ich Hoffnung hatte.

Und weil ich sterben wollte, um endlich wieder leben zu können. Die gruselige Astralwelt des irdischen Lebens ist der Stillstand und der ist tausendmal schlimmer als das Sterben selbst. Leben bedeutet auch, alle emotionalen Möglichkeiten zu nutzen, wieder und wieder. Im Herbst vor einem Jahr kam ich dann aus dem Süden zurück in meine Heimat. Aber ich glich nur noch äußerlich der Frau, die damals fortging, in Wirklichkeit war ich jemand anderes. Und aus diesem Grund erschien mir das einst Vertraute wieder fremd. Der Segen daran: Ich durfte noch einmal neu hineingeboren werden, um diese alte, einst vertraute Welt mit neuen Augen sehen zu dürfen. In der Fremde waren alle meine alten, kranken Wurzeln und die Anbindungen gestorben, welche mir nicht mehr dienten. Als ich die Fremde wieder verließ, war sie mir gar nicht mehr so fremd. Erneut nahm ich Abschied von vertraut Gewordenem, ließ Menschen zurück, die ich liebgewonnen hatte in der Zeit. Schmerz, Angst, Liebe, Freude, alles vermischte sich wieder einmal.

„Es geht nicht, dass ich bleib, mich ruft mein Stern, die Zeit ging schnell vorbei, mein Ziel ist fern. Vielleicht denkt ihr an mich, wenn ich schon auf der Reise bin. Ich muss zurück. Mich ruft mein Stern.“

In diesem einfachen Lied liegt so viel Wahrheit und Weisheit. Warum ist das Thema ‘Sterben’ nur so angstbesetzt? Wir tun es doch bereits im Leben unzählige Male. Wir üben ständig für das große Finale und merken es oft gar nicht.

Vielleicht ist es ja bei den meisten Menschen die Angst, in ein großes Nichts zu fallen? Wer schon einmal gestorben ist, wirklich innerlich gestorben, unabhängig vom Körper, der weiß: Dieses große Nichts ist wundervoll. Denn es enthält Alles. Es kann sogar das Paradies sein. Dieses Wunder kann niemand wirklich erklären, denn es geschieht jenseits des Verstandes. Da hilft nur die Erfahrung. Sterben ist genauso schön und genauso beängstigend wie das Leben und es bedingt sich. Lehnt man eins von beiden ab, kann das andere nie in vollkommener Tiefe erfahren und erspürt werden. Die Komfortzone, diese merkwürdige Zwischenwelt, sie scheint sicher. Dennoch ist sie in Wirklichkeit nichts weiter, als eine graue Astralwelt, die bunt geredet wird. Blasse Schönfärberei ohne die Magie von echten Farben. Weil die Welt da draußen vor der Tür wie eine unkontrollierbare Gefahrenzone lauert. Aber ist sie das wirklich? Und selbst wenn, so ist sie doch wenigstens spannend und möchte erobert und be- lebt werden.

Die Seele von Zugvögeln ist bunt und schön. Sie leben intensiver, weil sie sich ständig dem Schmerz des Sterbens und der Erneuerung aussetzen, nicht ängstlich versuchen, Gefühle zu vermeiden. Sie wachsen und wandeln sich ständig.

Die Gänse machen es uns vor, jedes Jahr aufs Neue. Ich habe Hochachtung vor ihrer Bewusstheit, ihren klar strukturierten und geführten Impulsen. Ich sehe sie in einer Aura aus leuchtenden Regenbogenfarben inmitten von Grau.

„Es geht nicht, dass ich bleib. Mich ruft mein Stern!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: