einfachpetra

Gedichte, Geschichten, Lustiges und Tiefsinniges, eben einfach Petra :-)

Begegnung mit dem Trauerkloß

(Diese Geschichte entstand für die aktuelle Ausgabe der internen Mitgliederzeitung des Hospizvereins)

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Es geschah vor langer, langer Zeit, als er mir das erste Mal erschien. Damals ahnte ich noch nicht wer er war, sondern spürte ihn anfänglich nur als tiefen Schmerz in meinem Inneren. Doch bald schon zeigte sich auch etwas Sanftes, Weiches und Liebevolles, das ihn umgab.
Gerade einmal zehn Jahre zählte ich, als meine Uromi starb und nun durfte ich nicht mit zu ihrer Trauerfeier, weil das angeblich nichts für Kinder sei. Verletzt, wütend auf meine Eltern und tieftraurig saß ich in Omis vertrautem Sessel, während meine Familie ohne mich auf dem Friedhof von ihr Abschied nahm. Mein Blick fiel auf das alte Radio und dann auf Omis geliebte Weidenkätzchen in der verschnörkelten Vase auf dem Tisch. Nie wieder würde sie hier in ihrem Lieblingssessel sitzen und diese Dinge betrachten können. Tränen liefen über mein Gesicht.
Und in diesem Moment sah ich ihn zum ersten Mal. Er hockte auf dem Fensterbrett und schaute mich mit großen Augen an. Ein wirklich merkwürdiges Wesen! Dann sprach er zu mir: „Ich bin’s. Der Trauerkloß! Willkommen in meiner Welt!“ „ Trauerkloß?“, fragte ich. „Was ist das? Wie kommst du hierher?“ „Wenn du mich auf den Schoß nimmst, dann erzähle ich dir alles über mich.“ sagte er.
Ich tat es und er fühlte sich wunderbar weich und kuschelig an, so dass die eben noch gespürte Wut auf meine Eltern verschwand und nur noch sanfte Traurigkeit blieb. Der Trauerkloß fing an zu reden: „He du liebe Freundin, es ist an der Zeit mich kennenzulernen. In Wirklichkeit bin ich nichts von dir Getrenntes, sondern ein ganz wichtiger Anteil deiner selbst. In jedem Menschen wohnt ein Trauerkloß, auch in dir. Leider werde ich in eurer Welt oft nicht beachtet, man will mich nicht haben, nicht spüren, man verdrängt oder ignoriert mich einfach. Das ist sehr, sehr schade. Denn ich bringe euch viele kostbare Geschenke, wenn ihr mich bewusst sehen und leben würdet. Traurigkeit ist auch ein Ausdruck von Liebe. Wenn ein Mensch stirbt, so wie jetzt deine Omi, dann sind deine Tränen aus Traurigkeit und Liebe wie wunderschöne Diamanten. Ein richtiger Schatz, der zeigt, wie wichtig deine Omi und ihr Leben für dich war. Was du von ihrer Lebensweisheit mit dir nimmst, wie viel Geborgenheit du erfahren durftest. Und mit jeder Träne, die du um sie weinst, wird es leichter werden. Tränen machen dich weicher, liebevoller und mitfühlender. Zeige sie, schäme dich nicht dafür, auch wenn viele Menschen Angst vor ihnen haben werden. Tränen sind ganz natürlich, vergiss das bitte nie. Sie lassen deinen Schmerz Stück für Stück heilen.
Habe bitte auch Mitgefühl mit deinen Eltern, sie wissen es nicht besser und wollen dich nur schützen. Sage ihnen später ehrlich, wie traurig es dich machte, nicht mit auf den Friedhof zu dürfen. Sage ihnen, wie gerne du dich von deiner Omi verabschiedet hättest. Auch deine Eltern dürfen noch viel von mir, dem Trauerkloß, lernen.

In deinem weiteren Leben werde ich noch oft eine Rolle spielen. Nicht nur dann, wenn ein Mensch oder vielleicht auch dein Haustier gestorben ist. Lass mich, den Trauerkloß in dir, auch dann in Erscheinung treten und leben, wenn andere Dinge dich traurig machen. Eine verpatzte Mathearbeit zum Beispiel, der erste Liebeskummer oder der Verlust einer Freundin durch Streit. All das und noch vieles mehr gehört zum Leben dazu. Der Trauerkloß baut dir in solchen Situationen ein geschütztes, weiches Nest, in dem du in Ruhe weinen und nachdenken kannst. Und wenn du es genug betrauert hast, dann kannst du auch wieder von Herzen lachen und fröhlich sein. Weil dein scheinbar zerbrochenes Herz dank dem mutigen Weg durch Trauer, Schmerz und Tränen wieder ein Stück weit heilen durfte. Dann öffnest du dich für neue Erfahrungen in deinem Leben und behältst das Vergangene als wertvollen Erfahrungsschatz in dir.“

Nachdenklich und schweigend saß ich noch eine Weile mit dem Trauerkloß in Omis Sessel. Ich fühlte mich nicht mehr so alleine, denn da war plötzlich jemand, der meine Tränen und die Trauer verstand. Ich drückte meinen neuen, kuschelig weichen Freund fest an mich, so lange bis ich unten die Stimmen meiner Eltern und das Knarren der Haustür hörte. Da verschwand er plötzlich, aber ich spürte ihn weiterhin in mir, in meinem Herzen. Genauso wie auch meine Omi und alles, was mich mit ihr verband.
Der Trauerkloß erschien danach noch unzählige Male auf meiner Lebensbühne. Ich hörte auf seinen Rat und integrierte ihn als weisen Freund und festen Bestandteil meiner selbst in alle Phasen von Traurigkeit und Kummer, die ich erfahren sollte. Der Trauerkloß schenkte mir eines Tages nicht nur die Idee, ihn in Form eines kuscheligen „Plüschtiers“ für andere Menschen zu erschaffen, sondern auch ein kleines Gedicht, welches ihnen den Umgang mit einem echten Trauerkloß, mit all seinem Schmerz und seinen Tränen verständlicher machen sollte.

Ganz nackt und weich, unendlich leer,
zerbrochenes Herz, vor Trauer schwer,
so steh’ ich einsam nun vor dir.
Hältst du mich aus? Ich wünsch es mir.
Deine Umarmung heilt mein Herz,
dein Mitgefühl lindert den größten Schmerz.
Teilst du mit mir mein schweres Los?
Ich hab dich lieb! Dein Trauerkloß.

– ©Petra Möller –

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2 Kommentare

  1. Sabine Meyer

    Liebe Petra,
    dankeschön für die schöne Geschichte! Ich wollte ihm den Garaus machen (schreibt man das so?), meinem Trauerkloß! Jetzt kann ich ihn annehmen und sogar schon ein bisschen lieb haben.
    Viele liebe Grüße von
    Sabine und ihrem Trauerkloß

    • Liebe Sabine, das freut mich sehr, wenn meine kleine Geschichte etwas bewirken konnte. Alles Liebe und eine kuschelige Zeit mit dem Trauerkloß. Er ist niedlicher und weicher, als man vermutet. 🙂 Herzlichst Petra

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