einfachpetra

Gedichte, Geschichten, Lustiges und Tiefsinniges, eben einfach Petra :-)

Der Clown der sich selbst erlöste

Diese Geschichte sei meinem Vater gewidmet. Seine eigene Geschichte ging nicht so gut aus, aber sie ist auch zu meiner Geschichte geworden und ich habe nun die Chance sie zu vollenden. Ich gebe dabei mein Bestes, in Liebe und Achtung für meinen Vater Horst Oldenburg!

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Der Clown, der sich selbst erlöste

Es war einmal ein Clown der tagein, tagaus durchs Leben stolperte. Unzählige Menschen brachte er zum Lachen, das erfüllte auch ihn selbst meist mit Freude und so versuchte er immer besser und noch lustiger zu werden. Eines Tages jedoch sah er in den Spiegel und erkannte mit Schrecken, dass er gar kein richtiger Clown war, sondern nur die Maske eines Clowns trug. Alles was ihn zum Clown gemacht hatte, war die rote Nase und ein bisschen Schminke. Innen war er leer und gleichzeitig voller Angst. Die Leere entstand deshalb, weil die Angst alles Leben, welches die Leere hätte füllen können, lähmte und verhinderte. Der Clown tat immer nur das, was er gut konnte, weil er es einmal so gelernt hatte und sich dann damit sicher fühlte. Aber er war ES nicht, es kam nicht aus seiner Seele, sondern er hatte es lediglich diszipliniert einstudiert. Die Menschen merkten das nicht, sie lachten weiterhin über ihn. Aber der Clown wurde immer ängstlicher und trauriger. Bald schon konnte er deshalb nicht mehr zu den Menschen gehen, Einsamkeit machte sich breit und die Angst in ihm wurde so unermesslich groß und unerträglich, dass er nicht mehr leben wollte. Alles was er einst als Leben bezeichnet hatte, war doch nur eine einzige große Lüge gewesen. Eine bunt bemalte Hülle ohne Inhalt. Eines Tages zog er schwermütig sein Clownskostüm an, schminkte sich, setzte die rote Nase auf und ging zu der großen Eisenbahnbrücke um von dort in die Tiefe zu springen, um zu sterben und endlich Frieden zu finden vor dieser schrecklichen Angst. Es schien ihm, als könne nur der Tod diesen Frieden herstellen.
Als er auf dem Geländer der Brücke stand und in die Tiefe sah, zupfte ihn ein kleines Kind am Bein. Vorsichtig kletterte er wieder herunter, denn er wollte das Kind nicht erschrecken. Es strahlte ihn mit großen Augen an und sagte: „Du bist ja ein echter Clown! Sicher wolltest du hier balancieren üben. Wenn ich groß bin möchte ich auch ein Clown sein.“ Der Clown sah in den Augen des Kindes das Leben. Er sah Neugierde, Unbekümmertheit und so viel Hoffnung, dass er seine aufsteigenden Tränen herunterschlucken musste. „Was machst du hier so alleine?“ fragte er. „Wo sind denn deine Eltern?“ Das Kind lachte: „Meine Eltern sind der Himmel und die Sonne, mein Zuhause ist die Unendlichkeit.“ Der Clown wunderte sich über diese Worte und fragte: „Hast du denn gar keine Angst so alleine?“ Das Kind antwortete: “Nein, denn meine Eltern sind der Himmel und die Sonne, mein Zuhause ist die Unendlichkeit. Wovor sollte ich Angst haben? Ich bin hergekommen, um dir zu begegnen, um dir etwas bewusst zu machen.“ Der Clown schaute noch immer ungläubig und zweifelnd auf das Kind, aber er konnte sich der Magie dieser strahlenden Augen nicht entziehen. „Wer bist du?“ fragte er. Das Kind sagte: „Ich bin die Unschuld. Du hast mich vor langer Zeit verloren. Jetzt kehre ich zu dir zurück und lehre dich das Staunen. Die Welt ist voller Wunder, wenn man sie mit meinen Augen betrachtet. Dann ist alles neu. In diesem Neuen erlöst sich die Angst, denn diese bezieht sich immer auf etwas Altes und wirft es dann angstvoll in die Zukunft. Dadurch warst du nie im Hier und Jetzt. Aber wer staunt, unschuldig wie ein Kind, das die Welt entdeckt, der ist in einem ewigen Moment, in dem es nur Wunder und Liebe gibt.“ Der Clown wollte antworten, aber das Kind war verschwunden. Dennoch spürte er das Kind und dessen Worte in seinem Herzen, das sich daraufhin weit öffnete. Hinein sprudelte das Leben, es erfüllte den Clown vollkommen. Plötzlich nahm er eine kleine blaue Blume wahr, die unten am Geländer kaum sichtbar wuchs. Er setzte sich auf den Boden, streichelte mit einem Finger sanft die winzig kleinen Blütenblätter und staunte. Wie wunderschön sie aussah, wie sie duftete, wie zart sie sich anfühlte!
Inzwischen hatten mehrere Menschen die Brücke betreten und sahen dem staunenden Clown fasziniert zu. Ein helles Leuchten umgab ihn und die kleine Blume. Nach einer Weile applaudierten die Menschen. Der Clown schaute erschrocken hoch und in viele strahlende Gesichter. Lächelnd stand er auf, verbeugte sich, warf dann die rote Nase in den Abgrund, wischte sich die Schminke ab und wusste, dass er nun ein echter Clown war. Er brauchte keine Maske mehr. Nur die Angst braucht Masken, um sich zu verbergen. Die Unschuld dagegen ist immer ganz sie selbst. Mitgefühl für die Angst durchflutete ihn in diesem Moment und er nahm auch sie in sein Herz, hatte sie ihn doch so viel gelehrt. Im Herzen kann sich auch die Angst erlösen und verwandeln.
Die Menschen hatten inzwischen die Brücke verlassen, nur eine kleine alte Frau mit vielen fröhlichen Runzeln im Gesicht war stehengeblieben. Sie lächelte den Clown an und fragte ihn: “Kennst du den Namen der kleinen Blume?“ „Nein“, sagte er. „Ich kann nur über sie staunen. Der Name ist doch nicht wichtig.“ „Das mag wohl sein.“, antwortete die alte Frau. „Dennoch verleiht der Name dieser Blume eine Bedeutung, die auch dir etwas geben kann. Um dich zu erkennen, in allem was du bist in dieser Welt. Die kleine Blume heißt ‘Vergissmeinnicht’.“ Da geschah etwas in dem Clown. Eine Träne löste sich, er fühlte diesen Namen in seinem Herzen und er staunte über das Gefühl. „Wer bist du?“, fragte er die alte Frau. Sie lächelte und sprach: „Ich bin die Weisheit.“

Und so ging der Clown Hand in Hand mit Unschuld und Weisheit zurück ins Leben, verzauberte und bestaunte sich selbst und die Menschen vor denen er spielte. Und wenn sie lachten, flog jedes Mal ein Same in ihr Herz, der eines Tages aufbrach und zu einer kleinen blauen Blume heranwuchs. Vergissmeinnicht!

© Petra Möller

 

 

 

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