einfachpetra

Gedichte, Geschichten, Lustiges und Tiefsinniges, eben einfach Petra :-)

Die Wahrheit über die kleine Meerjungfrau

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Es war einmal eine kleine Meerjungfrau, die als jüngste Tochter des Meereskönigs, geborgen und geliebt aufwuchs. Dennoch war sie anders als ihre Schwestern und Spielkameraden, die unbeschwert in den Tag hinein lebten. Ein sehnsüchtiges Ziehen im Herzen trieb die kleine Meerjungfrau oft weit hinaus ins Meer, zu einer Stelle, an der ein riesiger schroffer Felsen aus dem Meer ragte. Auf diesem Felsen saß sie meist am Tag, aber auch in der Nacht, wenn sie nicht schlafen konnte. Tagsüber fuhren manchmal Schiffe über das Meer. Dann hielt sie sich im Schutz des Felsens gut versteckt, da der Vater sie oft genug vor den Menschen, deren Waffen und Schleppnetzen gewarnt hatte. Seither misstraute sie den Menschen zwar, war aber gleichzeitig sehr neugierig auf sie. In den Nächten, wenn sie auf der Spitze des Felsens sitzend, sehnsuchtsvoll in den leuchtenden Sternenhimmel sah, schien es ihr, als sei ihre wahre Heimat dort oben am Himmel. Ein Gefühl, welches sie im Kreise ihrer Familie häufig vermisste. Trotz deren spürbarer Liebe für sie, fühlte sie sich ihnen manchmal nicht zugehörig. Wenn sich aber das Licht der Sterne und des Mondes in den Schuppen ihres Fischschwanzes brach und dieser dann funkelte wie ein Spiegelbild des Himmels, dann fühlte sie sich geborgen und auch zu Hause.

Jede kleine Meerjungfrau, liebt, achtet und pflegt ihren Fischschwanz, denn er repräsentiert die Einheit und das Steuerruder ihres Lebens. Ohne ihn ist sie machtlos und nicht lebensfähig.

Eines Abends, als die kleine Meerjungfrau wieder zu ihrem Felsen schwamm, überraschte sie der Anblick eines besonderen Schiffes. Vorsichtig schwamm sie näher und sah durch die hell erleuchteten Fenster, wie dort viele Menschen tanzten, aßen und tranken. Ein junger Mann in festlicher Kleidung stand im Mittelpunkt. In der Dunkelheit des Meeres schwamm die kleine Meerjungfrau ganz dicht an das Schiff heran, sodass sie durch ein Bullauge ins Innere des Schiffes blicken konnte. Sogar die Stimmen konnte sie hören, denn Meerjungfrauen haben ein sehr feines Gehör. Die Gäste in festlicher Kleidung gratulierten dem jungen Mann zum Geburtstag und sie erfuhr nun, dass er der Prinz sei. Er schlenderte näher in ihre Richtung und als er durch das Bullauge hinaus in die Nacht schaute, fiel sein Blick genau in die Augen der kleinen Meerjungfrau. Dieser Blick war wie ein kurzes Verschmelzen ihrer Seelen, aber dann erschrak die kleine Meerjungrau zutiefst. Schnell tauchte sie zurück ins Meer und schwamm zu ihrem Felsen. Von dort beobachtete sie nun, in sicherer Entfernung und mit klopfendem Herzen, das festlich erleuchtete Schiff. So lange, bis ein schwerer Sturm aufzog.

Tief tauchte sie nun unter die stark aufgewühlte und tosende See, hinunter in ruhigere Zonen des Meeres. Bald schon hörte sie von der Oberfläche her ein Krachen, die Schreie der Menschen und es kamen die ersten Teile des gesunkenen Schiffes in Richtung Meeresboden herab. Die kleine Meerjungfrau kannte das bereits, schon oft hatten sie und ihre Schwestern sich nach Stürmen wunderbare Schätze aus den gesunkenen Schiffen geholt, aufregende Dinge aus der Menschenwelt. Doch diesmal fühlte sie Angst. Angst um den Prinzen, vermischt mit einem schönen Gefühl der Aufregung. Sie spürte ihr Herz, wie es brannte in dem tiefen Verlangen, ihn zu finden. Ja, die kleine Meerjungfrau hatte sich verliebt! In einen Menschen!

Verzweifelt schwamm sie nun suchend durch das tosende Meer und sah ihn, ihren Prinzen, dann tatsächlich leblos Richtung Meeresgrund sinken. Sie wusste, er würde unter Wasser nicht lange überleben. Mutig trug sie ihn mit all ihren Kräften an die Wasseroberfläche und schwamm mit ihm an Land. Erschöpft zerrte sie ihn auf festen Boden, setzte sich neben ihn und schaute ihn genauer an. Wie friedlich und schön er aussah! Ob er noch lebte? Sie berührte sein nasses Gesicht und sang ein Lied der Heilung, denn das hatte sie in der Schule gelernt. Heilgesänge waren in der Meerjungfrauenschule ein Unterrichtsfach. Der Prinz fing an sich zu bewegen, er hustete und spuckte Wasser. Kurz darauf öffnete er seine Augen, zum zweiten Mal trafen sich kurz ihre Blicke und dann wurde er wieder bewusstlos. Die kleine Meerjungfrau aber war vollkommen verzaubert. Nie wieder wollte sie von ihrem Prinzen getrennt sein und für alle Zeiten an seiner Seite bleiben. Doch dann hörte sie aus der Ferne Menschenstimmen. Angstvoll robbte sie ins Meer und schwamm zurück, nach Hause zu ihrer Familie.

Von dieser Nacht an konnte die kleine Meerjungfrau nur noch an ihn denken, an den Prinzen in ihrem brennenden Herzen. Sie musste ihn einfach wiedersehen. Doch wie? Verzweifelt weinte sie so manche Nacht auf ihrem Felsen, bis ihr eine Idee kam: Sie musste ein Mensch werden, denn nur so konnte sie ihm erneut begegnen. Dann würde er sie wiedererkennen und sie wären glücklich bis an ihr Lebensende.

Am nächsten Tag schwamm die kleine Meerjungfrau -mutig und zu allem bereit- zur alten Meerhexe, die in den dunklen Regionen des Ozeans lebte. An einem Ort, den das Licht der Sonne nicht mehr erreichen konnte.

Die alte Meerhexe galt als sehr weise und besaß große Zauberkräfte. Die meisten Meeresbewohner fürchteten sie, denn sie hielt ihnen oft den Spiegel der Dummheit vor, entlarvte Illusionen und Irrglauben.

Aber die kleine Meerjungfrau hatte keine Angst. Getrieben von ihrem Wunsch, ein Mensch zu werden, überwand sie alle Hindernisse auf dem Weg. Ihr verliebtes, brennendes Herz wurde zu einer Fackel, welche ihr den Weg durch die Dunkelheit wies.

Die alte Meerhexe hörte sich ihr Anliegen geduldig, jedoch besorgt an. Dann sagte sie zu der kleinen Meerjungfrau:

„Bevor du dich Kraft deines freien Willens endgültig für diese Wandlung entscheidest, höre erst auf das, was ich dir sage: Du hast dich verliebt! Ja. In der Menschenwelt passiert das ständig. Denn dort hat alles ein Gegenteil. Wer sich verliebt, der entliebt sich eines Tages. Verlieben ist nichts als Selbstbetrug. Es hat mit wahrer Liebe nur sehr wenig zu tun. Das ‘Verliebtsein’ trifft dich wie ein Blitz, eine gleißende Helligkeit, die dich blind macht. Die dich einschlafen lässt, weil der Rauch der Täuschung deine Sinne vernebelt. Die wahre Liebe jedoch, sie kennt kein Gegenteil. Sie wächst beständig, sie entwickelt sich langsam und sie schließt eines Tages alles ein, wirklich ALLES. Niemals will sie etwas besitzen, denn sie fließt in einem ewigen Fluss. Wenn du aber verliebt bist, willst du den anderen besitzen und so erscheint bald die Angst statt der Liebe. Angst vor Verlust, Schmerz und auch Leid. Verliebt sein bedeutet Vergänglichkeit und Trennung, so wie der Körper bei der Geburt bereits den Tod in sich trägt. Liebe dagegen bedeutet Ewigkeit. Das verstehen die wenigsten Menschen. Sie besingen das Verliebtsein, sie schreiben darüber romantische Gedichte. Und dann schreiben sie wieder Gedichte über ihren Schmerz und den Verlust. Sie verkaufen ihre Seele für ein paar gute Gefühle. Sie verlieren ihre Identität, verbiegen sich, passen sich an, lösen sich auf in anderen und das alles nur, um endlich das Gefühl zu bekommen, geliebt zu werden. Aber das ist trügerisch, du solltest vorsichtig sein. Dort in der Menschenwelt ist alles getrennt. Selbst der Fischschwanz der Einheit, das Steuerruder des Lebens wurde getrennt. Beine nennen die Menschen das. Und bedenke besonders: Alles in der Welt der Trennung hat seinen Preis. Auch du musst bezahlen, wenn du ein Mensch sein willst! Du bekommst nur menschliche Beine, wenn du mir im Gegenzug deine Stimme gibst. Überlege es dir gut, denn du hast viel zu verlieren. Deinen Fischschwanz, deine Stimme, deine Freiheit, die Einheit des Meeres, deine Würde, ja vielleicht sogar dein Leben.“

Die kleine Meerjungfrau hatte wenig von den Worten verstanden, denn während die Hexe sprach, war sie in Gedanken dabei, sich ihr Leben mit dem Prinzen in den schönsten Farben auszumalen. Ach, wenn sie nur endlich Beine hätte! Und so überhörte sie ungeduldig die Bedenken der Meerhexe und war zu allem bereit, nur um endlich mit ihrem Prinzen vereint sein zu können. Und so gab sie der Meerhexe die Einwilligung für den Zauber, der sie zum Menschen werden lassen sollte. Wie geheißen, opferte sie etwas dafür: Ihre Stimme! So hatte es die Meerhexe bestimmt. Diese sprach daraufhin einen Zauber aus und wies die kleine Meerjungfrau an, so schnell wie möglich an Land zu schwimmen, denn schon bald würde sich ihr Fischschwanz in menschliche Beine verwandeln. Und so geschah es.

Als der Prinz in der Frühe des nächsten Morgens am Strand spazieren ging, fand er dort ein nacktes, frierendes Mädchen. Hilfsbereit hüllte er sie in seine Jacke ein und brachte sie in sein Schloss. Irgendwie kam sie ihm vertraut vor, aber da sie nicht sprechen konnte, erinnerte er sich nicht. Sein Herz sandte Signale, schickte Bilder in seine Gedanken, aber er wollte dieses weder hören noch sehen. Er wollte einfach keine Veränderungen in seinem gut durchdachten Leben, denn er liebte seine gewohnte Welt mehr als etwas Neues, das ihm fremd erschien und sich doch so seltsam vertraut anfühlte. Er mochte das Mädchen zwar auf eine unerklärliche und besondere Weise, aber es verwirrte ihn. Jedoch schob er diese Verwirrung auf sein gerade wiedergewonnenes Leben nach dem Schiffsunglück und beachtete diese merkwürdigen Gefühle nicht weiter, er schob sie einfach weg. Glücklichen Herzens, ohne seine Gedanken zu erahnen aber, erreichte die stumme kleine Meerjungfrau, die nun ein Mensch geworden war, auf den starken Armen ihres Prinzen das Schloss, wo man sie freundlich umsorgte und ihr schöne Kleider schenkte.

Doch bereits am nächsten Tag fand ihr Glücksgefühl ein jähes Ende. Ein großes Fest wurde vorbereitet, denn der Prinz sollte schon bald eine Prinzessin aus dem Nachbarreich heiraten. Unwissend ihres Schmerzes, lud er die kleine Meerjungfrau ein, an diesem Tag mit ihnen zu feiern und zu tanzen. Da sie nicht wusste, wohin sie sonst gehen sollte, blieb sie tatsächlich, ihr Herz jedoch krampfte sich unter Schmerzen zusammen. Am Tag der Hochzeit tanzte sie so anmutig, dass alle Gäste erstaunt zusahen. Doch sie spürte die Blicke nicht, sie tanzte einzig und allein für den Prinzen. Dieser aber hatte nur Augen für seine Braut und beachtete die Tänzerin nicht. Jeder Schritt mit den Menschenbeinen bereitete der kleinen Meerjungfrau Schmerzen. Es war, als tanzte sie auf spitzen Messern, aber sie tanzte und tanzte…

Erst als der Prinz und seine Frau sich zurückzogen, da verließ auch sie das Fest. Das Feuer ihres brennenden Herzens trieb sie ans Meer, zurück an den Strand, an dem sie erst vor ein paar Tagen angekommen war. Sie lief ein Stück in die Wellen hinein, um ihre schmerzenden Beine zu kühlen, der Wind ließ ihre Haare wehen und zum ersten Mal spürte sie den Wert der Freiheit, in der sie als Meerjungfrau gelebt hatte und die ihr nun wohl für immer verwehrt blieb. Welchen Wert hatte ihr Leben noch? Der Prinz war in eine Andere verliebt und sie hatte unbedacht alles für ihn aufgegeben. Alles was sie einst ausmachte, war dadurch verloren gelangen: Ihr Fischschwanz und damit ihr Lebenssteuer, ihre Stimme und damit ihr besonderer Lebensausdruck. Die Worte, die die alte Meerhexe vor ihrer menschlichen Verwandlung gesprochen hatte, tauchten im Bewusstsein der kleinen Meerjungfrau auf und sie verstand deren Sinn nun in der Tiefe. „Zu spät… zu spät…!“, raunte der Wind.

Die kleine Meerjungfrau mit den schmerzenden Menschenbeinen und dem brennenden Herzen war bereit zu sterben. Weit lief sie in das Meer hinein, bis sie nicht mehr stehen konnte. Eine Weile trieb sie haltlos durch das Wasser, dann ging sie unter. Aber sie starb noch nicht, denn plötzlich tauchte die alte Meerhexe vor ihr auf. Ihr gütiger Blick schenkte der kleinen Meerjungfrau einen kurzen Augenblick lang die Hoffnung, dass diese sie wieder in ihre alte Identität zurückverwandeln könnte, aber die folgenden Worte der alten Meerhexe nahmen ihr diese Hoffnung wieder. „Leider kann ich dir nicht helfen, indem ich dich wieder in eine Meerjungfrau zurückverwandele“, sprach sie. „Es gibt kein Zurück, denn du hast deine Entscheidung ein Mensch zu werden, in Freiheit und mit eigenem Willen getroffen. Dein Körper wird jetzt sterben, aber das was du wirklich bist, das ist unsterblich. Finde die wahre Liebe, tauche ein in die tiefsten Tiefen um sie zu entdecken und dann steige mit ihr auf.“

 Der menschliche Körper der kleinen Meerjungfrau verging also im Meer, aber ihre Seele trat aus dem Körper hinaus, wie eine Wolke aus zartem Meeresschaum. Diesmal wollte die Seele der kleinen Meerjungfrau die Worte der alten Meerhexe befolgen. Zuerst ließ sie sich mit Hilfe einer Welle zurück zu ihrer Familie spülen. Der Schaum berührte auf diese Weise alle ihre Lieben noch einmal und sie fühlte die unglaublich starke Liebe ihres Vaters und ihrer Schwestern. Sie nahm leise Abschied und tauchte dann auf den tiefsten Meeresgrund hinab in tiefe Stille und Dunkelheit. Unzählige Muscheln lagen dicht an dicht verschlossen auf dem Meeresboden. „Finde die wahre Liebe!“, hatte die alte Meerhexe ihr geraten. Der kleinen Meerjungfrau erschien es fast aussichtslos, an diesem Ort die Liebe zu finden. Es war so dunkel hier. „Höre auf dein unsterbliches Herz!“ tönte die Stimme der alten Meerhexe nun in ihre Gedanken. Und die kleine Meerjungfrau lauschte mit dem Herzen, das in dem Schaum ihrer Seele aufleuchtete. Es führte sie zu einer kleinen unscheinbaren Muschel inmitten der Menge. Mit ihrem Schaum berührte sie die Muschel zärtlich. In diesem Moment ging die Muschel langsam auf, Licht strahlte aus dem Inneren und die kleine Meerjungfrauenseele erblickte eine wunderschöne Perle. Diese war so vollkommen, so einfach, so wunderschön, dass das Herz der kleinen Meerjungfrau sich vor Liebe weit öffnete, aber es brannte nicht mehr. Es strahlte, genau wie die Perle, sein warmes Licht in die Dunkelheit. Ihr Herz war nun genauso vollkommen geworden wie die Perle, denn es hatte die wahre Liebe und die Einheit gefunden. Ein tiefer Frieden und Glückseligkeit durchströmten die Seele der kleinen Meerjungfrau. Aber es war noch nicht an der Zeit aufzusteigen.

 Mit der Kraft einer besonders großen Welle ließ sie sich in Richtung Strand spülen. Dort saßen der Prinz und seine Gemahlin verliebt Händchen haltend im Sand und blickten aufs Meer. Gleich würde die Sonne untergehen, der Himmel färbte sich bereits in den schönsten Rottönen. Eine Welle rollte weit in den Strand hinein, gekrönt von rötlich gefärbtem Schaum. Die Gischt spritzte den Prinzen und seine Frau nass, roter Schaum berührte ihre Herzen und ließ diese für einen Moment in Liebe aufleuchten. Dann zog sich die Welle zurück ins Meer. Kurz darauf stieg ein purpurrotes Licht auf in den Himmel, genau in dem Moment, als die Sonne ihre letzten Strahlen des Tages ins Meer eintauchte.

 „Wahre Liebe will nichts besitzen … sie verschenkt sich… sie fließt mit der Ewigkeit.“, seufzte die alte Meerhexe, die alles beobachtet hatte und kehrte zufrieden zurück in ihr dunkles Reich.

© Petra Möller

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