einfachpetra

Gedichte, Geschichten, Lustiges und Tiefsinniges, eben einfach Petra :-)

Die Wahrheit über Frau Holle

Frau Holle

Die Wahrheit über Frau Holle

Es war einmal vor vielen hundert Jahren, da wurde das Märchen von Frau Holle erzählt. Damals nutzen die Märchenerzähler die Kraft der einfachen Sprache, um dem gesamten Volke die tiefe Weisheit eines Märchens vertraut zu machen. Mit dem zeitlichen Rahmen nahmen sie es nicht so genau, wussten sie doch im tiefsten Inneren, dass die lineare Zeit nichts weiter als eine Täuschung ist. Also achtet bitte in Folge mehr auf Frau Holles weit geöffnetes Fenster, als auf die Zeitfenster. Doch nun möge es -dank der Evolution- an der Zeit sein, die ganze Wahrheit über Frau Holle zu verkünden, ohne dafür auf einem Scheiterhaufen zu landen.

Frau Holle heißt in Wahrheit Frau Holle-Grace. Ja, sie hat einen Doppelnamen. Denn sie ist der weibliche Aspekt der Göttlichkeit. Täglich schüttelt sie die Betten der Gnade und des Segens über den Menschen aus. Sie tut dies in tiefster Hingabe, obwohl kaum ein Mensch es noch spürt, geschweige denn dankbar dafür ist. Ab und an gelangen die Seelen der Menschen in das Haus von Frau Holle-Grace, wenn diese Seelen sich in der Winterzeit des Lebens, also zwischen zwei Verkörperungen, durch den Brunnen des Wandels dem Studium und der Stille widmen wollen.

So geschah es auch mit Marie. Das erste Mal, als sie in den Brunnen sprang, tat sie es keineswegs aus Verzweiflung. Sie war zu Lebzeiten ein verwöhntes und hochmütiges Mädchen gewesen und auch jetzt hoffte sie, dass es für sie Gold regnen würde. Aber möglichst ohne etwas dafür tun zu müssen.

Marie landete am Ende des Brunnens auf der himmlischen Wiese und als erstes entdeckte sie einen Ofen voller Brote. Diese schrien verzweifelt: „Zieh uns raus, zieh uns raus, sonst verbrennen wir!“ Aber Marie beachtete sie gar nicht, schließlich verspürte sie momentan keinen Hunger und außerdem machen zu viele Kohlenhydrate dick. Weiter ging ihr Weg, vorbei an dem Apfelbaum, der rief: „Schüttle mich, schüttle mich, meine Äpfel sind allesamt reif!“ Marie entgegnete empört: „Glaubst du, ich will mir mein Kleid und meine Hände ruinieren? Ich kaufe mein Obst im Supermarkt!“ Und schon näherte sie sich eiligen Schrittes dem Haus von Frau Holle-Grace. Diese schaute aus dem Fenster. Marie rief ihr zu: „Ich hörte davon, dass du die Menschen mit Gold beschenkst, deswegen bin ich hier.“ Frau Holle-Grace ließ sie herein und bot ihr eine Arbeit an. Marie sollte täglich die Betten ausschütteln, damit es auf der Erde schneite, um auf diese Weise Gnade und Segen zu den Menschen fließen zu lassen. Marie war nicht begeistert, aber in Anbetracht des Goldes willigte sie missmutig ein. In den ersten Tagen gab sie sich wirklich Mühe, aber dann verlor sie die Lust, da die Menschen auf der Erde sie weder wahrnahmen noch lobten. Letztendlich blieb sie einfach im Bett. Auf der Erde fehlte es nun an Gnade und Segen und die Menschen führten deshalb noch mehr Streit und Kriege, als je zuvor.

Frau Holle-Grace war es leid mit Marie und so schickte sie diese wieder zurück in Richtung Erde. Als Marie in das Tor des Vergessens trat und auf die Belohnung wartete, regnete es aber kein Gold, sondern schwarzes Pech. „Komm wieder, wenn du gelernt hast Dein Ego im Zaum zu halten. Komm wieder, wenn du bereit bist selbstlos zu dienen! Erlebe die Kraft des Gesetzes von Ursache und Wirkung!“ Mit diesen Worten schloss Frau Holle-Grace sanft das Tor hinter Pechmarie.

Viele Leben lang hatte Marie nun zu tun, das schwarze Pech zu tragen und daraus zu lernen. Doch dann wurde sie als ein sehr armes Mädchen geboren, das ungeliebt und traurig bei seiner bösen Stiefmutter und deren leiblichen Tochter aufwuchs. Den ganzen Tag musste sie spinnen, während ihre Schwester faul in den Tag lebte. Demütigungen, Schläge und Hunger gehörten zu ihrem Alltag. Eines Tages stach Marie sich an der Spindel und ihr Blut verunreinigte die Spule. Aus Angst vor der Stiefmutter wollte sie die Spule im nahen Brunnen waschen, aber diese fiel ihr hinein. Verzweifelt sprang Marie hinterher, rauschte durch den tiefen Brunnen, um dann sanft auf der himmlischen Wiese zu landen. Dort fühlte es sich merkwürdig vertraut für sie an.

Als Marie am Ofen vorbei kam, sah sie das fast verbrannte Brot und holte es flugs aus der Hitze, bevor es überhaupt darum bitten konnte. Sie brach sich selbst ein Stück vom Brot ab, um es mit Genuss zu essen. Der Ofen bedankte sich seufzend und sprach: „Du hast das Brot des Lebens gerettet und gekostet, möge es nun deinen weiteren Weg segnen!“ Weiter ging der Pfad zum Apfelbaum. Sie schüttelte ihn so lange, bis auch der letzte Apfel geerntet war. Der Baum sagte erleichtert: „Danke mein Kind, nun bist du reif für die Erkenntnis! Frau Holle-Grace erwartet dich!“

Und so gelangte Marie schließlich in das Haus der gütigen alten Frau. „Nun liebe Marie, bist du denn bereit, absolut selbstlos zu dienen? Bist du bereit, täglich die Betten zu schütteln, um den Menschen Gnade und Segen zu schenken? „Von Herzen gerne!“, antwortete Marie, und von nun an schneite es so wunderbar auf der Erde, dass diese in himmlische weiße Stille eingehüllt wurde. Leider spürten die Menschen auch jetzt kaum etwas, sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt und schimpften über den vielen Schnee, der ihre Autos und Häuser bedeckte. Der Schnee machte Arbeit und das verärgerte die Menschen, denn sie waren in dem Glauben gefangen, niemals genug Zeit zu haben. Stille empfanden sie als unerträglich und übertönten sie mit lauter Musik oder dröhnenden Fernsehern, vor denen sie stumpf saßen. Marie stimmte das sehr traurig, aber sie gab nicht auf und schüttelte weiterhin Tag für Tag Segen und Gnade über die Welt. Ein wenig würde schon angenommen werden, daran glaubte sie fest.

An den Abenden führte sie wunderbare Gespräche mit Frau Holle-Grace und lernte begeistert von deren Weisheit. „Die Menschen befolgen viele Gebote“, sprach eines Abends Frau Holle-Grace. „Aber sie tun es nicht freiwillig, sondern aus Angst. Das wichtigste Gebot kennen sie nicht und wollen es auch gar nicht anerkennen. Höre gut hin Marie, es lautet: Entsage dich deiner Anhaftungen!

Marie schaute fragend und so fuhr Frau Holle-Grace fort. „Die Menschen wollen ständig alles besitzen, sie überhäufen sich mit materiellen Dingen, Häusern, Autos, ja sie wollen sogar andere Menschen und deren Leben besitzen. Sie sagen in völliger Unbewusstheit ‘Meine Frau’, ‘Mein Kind’, ‘Mein Hund’, ‘Mein Auto’, ‘Mein Land’. Sie spüren kein bisschen, dass ihnen nichts in dieser vergänglichen Welt gehört und dass sie an all diesen Dingen und Menschen anhaften. Oft glauben sie sogar, das wäre Liebe. Dann leiden sie wieder unter all ihren unerfüllten Erwartungen und vielen Verlustängsten. Anhaftung kann niemals Liebe sein. Denn wahre Liebe läßt frei, sie fängt erst dort an, wo Anhaftungen aufhören. Die Anhaftungen werden oft zur unstillbaren Sucht, weil die Herzen leer sind, weil kein größerer Sinn das Herz erfüllt. Hinter allem lauert die übergroße Angst vor dem Tod. Denn den haben die Menschen verbannt. Wenn sie den Tod wieder zurück ins Leben holen würden, könnten sie ihre Anhaftungen und Verlustängste schneller wahrnehmen und heilen. Heilen, indem sie erkennen, dass der Tod nur eine Illusion von Trennung ist und in Wahrheit die Neugeburt in eine neue Bewusstseinsebene bedeutet. Wenn sie zudem noch erkennen, dass es ihre Seelen sind, die unzerstörbar mit allem verbunden bleiben, so könnten ihre leeren Herzen sich mit dem Gold der bedingungslosen Liebe füllen und sie würden alle Anhaftungen in Leichtigkeit loslassen. Denn sie dürften dadurch etwas wiederfinden, das umso vieles größer ist als ihr Ego und ihre Verkörperung. Etwas, für das sie im Innersten lichterloh entflammen und sogar bereit wären, dafür zu sterben. Dann könnten auch Gnade, Segen und die eigene Hingabe wieder spürbar und erfüllend in ihre Herzen einziehen.“

Marie schwieg ergriffen, als Frau Holle eine kurze Pause machte, um dann zu verkünden: „Das ist die Erkenntnis für dich, mein liebes Kind. Nimm sie und gehe damit zurück auf die Erde. Gehe an einen Ort, wo all das noch einen Sinn macht und von dort aus verbreite die Erkenntnis durch dein Sein, dein Vorbild, über die ganze Welt. Schon morgen wirst du durch das Tor gehen.“

Und so geschah es am nächsten Morgen. Marie umarmte Frau Holle-Grace gerührt und zutiefst dankbar. Dann aber löste sie sich lächelnd aus deren Armen und ging durch das Tor. Diesmal fiel der Schleier des Vergessens nicht über sie, aber dafür füllte sich ihr Herz mit Gold. Sich ihres Auftrages bewusst und voller Liebe ging sie zurück auf die Erde. Dort wurde sie als ein kleines Mädchen in einem Land namens Indien geboren. Behütet wuchs sie auf, ihre Liebe wurde gesehen und geachtet. Sie schenkte den hungernden Menschen ihres Landes Brot, Äpfel und Umarmungen. Schon bald erfuhr man von ihrem selbstlosen Dienen in der ganzen Welt. Goldmarie umarmte unermüdlich, voller Hingabe und mit dem unerschöpflichen Gold in ihrem Herzen Hunderttausende Menschen weltweit. Sie öffnete deren Herzen für die Wahrheit der Frau Holle-Grace und die Menschen nannten Goldmarie nun liebevoll : Amma, die Mutter.

Frau Holle-Grace aber schüttelte weiterhin die Betten der Gnade und des Segens über den Menschen aus und weil sie nicht gestorben ist, so schüttelt sie noch heute.

Goldmarie

 © Petra Möller

inspired by Stephan Kordick und Shai Tubali 🙂

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