einfachpetra

Gedichte, Geschichten, Lustiges und Tiefsinniges, eben einfach Petra :-)

Wenn der Schock das Herz nicht mehr verschließen kann….

In letzter Zeit hatte ich das Gefühl, nicht mehr schreiben zu können, nun kann ich es wieder. Weil ein Ereignis, das wie ein Blitz vom Himmel kam, mich innehalten ließ. Ich hörte innerhalb von Sekunden auf, mich selbst zu überholen. Entschleunigung. Zeitlupe im Körper und im Geist. Es war nur ein Satz von einem freundlichen Arzt, der einen heilsamen Schock auslöste. Etwas steckt wohl in meinem Körper, das da nicht hingehört. Es kann alles sein. Auch ein Tumor. Mein tiefstes Inneres fühlt, dass es keiner ist und dennoch reagiert mein Körper. Die Knie zittern, ich friere und klappere mit den Zähnen. Tränen drängen sich ihre Bahn. Die gesamte Oberfläche kräuselt sich, wie ein See bei plötzlich starkem Wind. Die Wellen peitschen ans Ufer, fließen wieder zurück, ziehen Steine und Sand mit sich in den See. Fremdkörper, die sich als Erfahrungen anderer Menschen in meine Gedanken drängen.

Ich sehe meine Freundin, die an Brustkrebs erkrankt ist, ich sehe ihre Angst, aber auch ihre Tapferkeit, ihren unglaublichen Mut und Enthusiasmus, ihren Willen zu leben. Ich sehe genauso die Menschen, die ich im Hospiz auf ihrem letzten Weg begleitet habe. Auch sie sind Helden für mich. Helden, scheinbar ohne Happy End. So meinen es zumindest die „normalen“ Menschen. In meinen Augen gibt es immer ein Happy End. Auch der Tod kann ein wundervolles Happy End sein für eine Neugeburt in die anderen Welten, jenseits unserer engen Vorstellungen.

Während also mein Körper ausrastet und mein Verstand Bilder anderer Menschen projiziert, passiert in meinem Innersten, in der Tiefe, etwas Seltsames. Es wird immer stiller dort, zufriedener. Da lebt ein Buddha, der mir lächelnd sagt: Alles was ist, ist genauso in Ordnung. Mein Verstand, ungläubig wie es nun einmal seiner Art entspricht, will das nicht hören, er will Ergebnisse, Voraussagen, Sicherheiten. Aber der Buddha hat keinerlei Lust darauf, er wird noch stiller, noch friedlicher und irgendwann beruhigt sich durch seine Stille auch die Oberfläche meines Seins. Ich bleibe handlungsfähig, arbeite sogar und ich habe tatsächlich wieder Hunger. Dankbarkeit überflutet mich. Selbst wenn es ein Tumor ist, ich habe gelebt. Nur ein paar Jahre sind es in Wirklichkeit, aber diese Jahre zählen mehr, viel mehr, als die lange Zeit der Unbewusstheit. Und ich fühle mich tatsächlich geliebt, auch erst seit sehr kurzer Zeit, aber dafür umso intensiver. Diese Dankbarkeit nimmt mir für den Moment jeden Schrecken, jede Angst.

Natürlich weiß ich nicht, ob sie wiederkommt, die Angst ist tückisch. Vielleicht erscheint sie dann, wenn ich zu der abklärenden Untersuchung gehe, vielleicht auch erst, wenn eine Woche später der Befund da ist. Im Moment ist sie jedoch weg und ich fühle mich geborgen wie in einem Nest. Meine Seele ist nun mein Heimathafen, der Verstand ist lediglich ein kleines Boot, das hilflos umhertreibt und verunsichert schweigt. In meinem Herzen fließt Liebe hinaus und hinein, in einem ausgeglichenen Strom. Tränen fließen auch, aber es sind Tränen der Berührung, weil ich meine Seele so stark spüre wie nie zuvor, weil ich nun in der Tiefe fühle, wie sehr sie mein wahres Zuhause ist. Ich fühle mich angekommen. In meiner Seele und auch in meinem Herzen, in dem eine Liebe wächst, die Raum und Zeit überwindet und gleichermaßen ihren Anker auf der Erde geworfen hat.

Mitten in der Vergänglichkeit ist plötzlich so viel Licht. Ich habe lange gebraucht, auch alleine glücklich zu sein. Und als ich mich damit zufrieden gab, nichts mehr wollte, da kam die Liebe auch von außen. So unmittelbar, in so einer Reinheit, wie ich es nie zu glauben gewagt habe in der Vergangenheit. Diese Liebe gibt mir nun noch viel mehr Kraft und Mut, mich dem alten Dämon, der nun auftaucht zu stellen, diesem Dämon aus Zeiten der Nichtliebe, den ich selbst erschuf, in Ablehnung und Selbsthass. Die Liebe hat ihn mit ihrem hellen Licht sichtbar gemacht und ich werde ihn in den Arm nehmen, um Vergebung bitten und ihn annehmen, so wie er ist. Ich nehme ihn ernst, schaue tief nach Innen, um ihn zu verstehen und Heilung zu erwirken. Ich möchte leben, endlich leben und alle meine Dämonen wie einst ungeliebte Kinder in die Arme schließen, sie die Liebe spüren lassen, die ich nun freizügig und unbegrenzt geben kann. Weil mein Herz sich nicht mehr verschließen wird, egal was kommt. Geben und empfangen in einem ausgeglichenen Strom, so wie ein ewiger Kreislauf. Und dieser Kreislauf wird nichts mehr ausschließen.

Natürlich bitte ich von Herzen darum, dass es kein Tumor, sondern etwas Harmloses ist. Ich verspreche wach zu bleiben, auch wenn alles gut wird. Nie wieder einschlafen ins Unbewusste! Ich bin bereit, mich meiner Verantwortung zu stellen, ich möchte mein Bewusstsein noch weiter ausdehnen, ich möchte noch so viel geben in dieser Welt. Ich weiß nicht, ob es eine Prüfung oder tatsächlich eine Manifestation ist, es gibt keine Sicherheit. Dennoch wähle ich Vertrauen und Liebe, da ich nicht wissen kann, in welcher Tiefe der Sinn noch verborgen bleibt. Ich lerne zu warten, mich immer wieder auszurichten und mutig zu sein. Irgendwann sagt mein Herz leise das, was ich in dem Buch „Die drei Lichter der kleinen Veronika“ so liebe: „Mitternacht ist vorbei und es ist Morgen geworden“.

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4 Kommentare

  1. Unglaublich schön beschriebener Empfindungszustand mit allem, was sich in Dir gerade bewegt! Einiges kann ich aus eigener Erfahrung sehr gut nachvollziehen.

    Ich wünsche Dir weiterhin so viel Kraft und Liebe und dass Du keinen Tumor hast!

    Herzensgrüße

    Bina

    • Ganz lieben Dank für Dein Feedback. Es ist alles gut gegangen. ❤

      • Gott sei Dank!!!!!!

      • Jaaaaaa. 🙂

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